Liebst du auch berührende Bilder? Farbenfroh, kreativ, stimmungsvoll. Manchmal erheiternd oder auch schräg, kitschig, merkwürdig. In jedem Fall berühren uns Bilder. Sie sprechen auf eine andere Weise zu uns als Texte. Emotional, direkt, intuitiv. Bilder begegnen uns täglich, wenn wir durch Instagram, TikTok und Co. scrollen. Während wir uns dem Anschauen hingeben, mag sich eine kleine Sehnsucht melden – tief in uns drin: Auch malen können! Auch kreativ sein! Selbst so Schönes schaffen!
Kennst du das? Es ist eine kleine innere Stimme, der es sich lohnt zuzuhören.
Oft wird sie sofort übertönt von einer anderen: Ich kann das nicht. Ich habe gar keine Zeit. Ich habe gar keinen Platz, keine Farben, es gibt Wichtigeres zu tun …
Diese zweite Stimme suggeriert sich gern als „der Realist“. Vermeintlich vernünftig zählt er all die „objektiven“ Hindernisse auf, die unser Leben gerade auftürmt, und weist die kleine kreative Sehnsucht, die sich schüchtern zu melden wagt, in ihre Schranken.
Ich bin beiden inneren Stimmen 2018 begegnet, als ich nach einer (fast vollständigen) 25-jährigen Malabstinenz merkte, dass die Zeit reif war, meiner Malleidenschaft aus Jugendjahren wieder einen Platz in meinem Leben zu geben. Beide Anteile, die sich beim Kreativsein zu Wort melden, haben ihre Berechtigung und ihre Weisheit. Aber auch ihre begrenzenden, hinderlichen Glaubenssätze, die überprüft werden sollten. Auf meinem Weg als Malerin fand ich es tröstlich, zu erfahren, dass sie bei allen Kreativen innere Begleiter sind. Sie gehören einfach dazu.
Ich habe sie in meinen ersten Versuchen, im Alltag wieder zu malen, „mit aufs Blatt“ genommen. Wenn meine ersten Zeichnungen nicht schön wurden, habe ich eine kleine Sprechblase an den Rand gemalt und hineingeschrieben, was mein innerer Kritiker zu sagen hat: „Das sieht blöd aus.“ Daneben eine Antwort meiner kleinen kreativen Sehnsucht: „Lass mal, ich übe gerade. Das muss nicht perfekt sein.“ Auf diese Weise wird der innere Widerstreit Teil des Malprozesses, anstatt ihn zu behindern. Es ist wichtig zu wissen, dass Kreativsein nicht immer nur glücklich macht. Es ist ein vielfältiger Prozess, in dem gemischte Gefühle normal sind. Ein bisschen Humor und Fantasie tun gut, gerade am Anfang. So lernen wir, mit allen Regungen umzugehen, die in uns auftauchen.
Ich habe meinen inneren Kritiker einmal in meinem Skizzenbuch gezeichnet. Übermächtig fühlte er sich an, gruselig und bedrohlich. Wir sind häufig in unserer Selbstkritik viel härter, als wir es jemals mit Freunden wären. In dem Moment, wo ich ihm eine Gestalt gegeben hatte, konnte ich darüber lachen. Was sag ich da eigentlich zu mir? Sind diese Urteile eigentlich wahr? In dem Moment, wo sie auf einem Blatt standen, konnte ich eine wohltuende Antwort finden: Ich beginne gerade erst, ich lerne. Fehler zu machen, Unschönes zu produzieren, gehört dazu. Diese Beurteilung meiner ersten Versuche ist viel realistischer als der Perfektionsanspruch meines inneren Kritikers. „Nun lass mich mal üben“ ist seitdem meine regelmäßige Selbstermutigung.


