Achtsames Malen nenne ich eine Art zu malen, bei der das, was in dem Malenden emotional geschieht, ebenso wichtig ist wie das, was auf dem Blatt entsteht. Das Ergebnis kann ein berührendes Bild sein – vor allem aber geht es um den Malprozess. Er ist eine intensive Erfahrung, in dem das Was, das Wie und das Warum des Malens bewusst erlebt wird.
Dass wir uns gezielt entscheiden, WAS wir malen, also welchen Gegenstand, welches Motiv, mag trivial erscheinen. Aber gleich hier können wir das Malen in zwei große Kategorien einteilen:
Es gibt das Malen äußerer Motive: eine Landschaft oder ein Portrait zum Beispiel. Auch hier ist der Malende innerlich beteiligt, denn es geht um seine individuelle Wahrnehmung. Dennoch ist das Motiv etwas Sichtbares im Außen.
Ganz anders ist das Malen innerer Bilder. Hier geht es um den Ausdruck von Gefühltem und Erlebtem – von Erinnerungen, Vorstellungen oder Gedanken und Werten. Wenn ich mit Menschen arbeite, die in einer Lebenskrise stecken, mit Trauernden oder chronisch Kranken, kommt dieser zweiten Art des Malens besondere Bedeutung zu. Man muss auf eine aufmerksame Weise in sich hineinhorchen, bewusst fühlen, was für Emotionen gerade da sind, die eigenen Gedanken bemerken, um zu seinen inneren Bildern zu kommen. Das Malen wird dann als ein wunderbarer Prozess erlebt, sich authentisch auszudrücken. Nicht selten ist der Malende überrascht: Ach, das ist gerade in mir los …
Das WIE wird oft stiefmütterlich betrachtet. Oft sind wir so fixiert auf das, was auf dem Bild entstehen soll, dass wir uns dabei vergessen. Wie entspannt oder angespannt führe ich meinen Pinsel? Wie geht es mir? Welche Gefühle begleiten meinen Malprozess? Tut er mir gut oder erarbeite ich hier gerade etwas Schweres? Es kann überraschend sein, was wir entdecken, wenn wir auf diese Weise in uns hineinfühlen. Wir können dann auch merken, ob wir im Jetzt sind oder ob wir mit unseren Gedanken und Gefühlen in der Vergangenheit oder Zukunft weilen. Bewusst ins Jetzt zu gehen, Gedanken ziehen zu lassen, Gefühle loszulassen und mit der Aufmerksamkeit ganz zu den Formen und Farben zu gehen, die unter den eigenen Händen entstehen, ist eine wundervolle kreative Achtsamkeitsübung.
Das WARUM für sich zu klären, kann hilfreich sein, um mit dem passenden Mindset zu malen. Im Umgang mit Selbstzweifeln und Unzufriedenheit kann es sehr heilsam und tröstlich sein, sich bewusst zu machen, welchen Zweck ich gerade verfolge: Will ich etwas ausprobieren? Üben? Dann ist wichtig, dass ich mich frei mache von Erwartung, dass ich mir erlaube, Fehler zu machen und neugierig bin. Oder will ich zum Beispiel etwas über mich erfahren? Dann ist es wichtig, dass ich ins Gefühl gehe, meinen Körper spüre, während ich male. Will ich meinem Inneren einen Ausdruck geben? Dann ist es gut, mir zu gestatten, meine eigenen Symbole dafür zu finden. Der Anspruch, hierbei völlig realistisch, mit richtiger Perspektive und Technik zu malen, wäre an dieser Stelle ein unnützes Hemmnis. In meinen Kursen gibt es die ausdrückliche Einladung, „wie ein Kind“ zu malen.
In jedem Fall erlaubt mir das achtsame Malen, ins Jetzt und zu mir selbst zu kommen. Je bewusster ich mir über mich selbst im Prozess werde, desto besser kann ich meine Bedürfnisse erkennen. Dann kann ich mir beim Malen genau das geben, was gerade hilfreich und heilsam sein kann: Leichtigkeit, Gewahrwerden, Vertiefung.


